Forschung
Großmuscheln (Unionidae) in Baden-Württemberg
Heimische Großmuscheln sind ökologisch und naturschutzfachlich sehr bedeutsam und der oft (zu) späte Nachweis von geschützten Muscheln birgt meistens ein erhebliches Konfliktpotenzial. Ordentliche Vorprüfungen und die Begleitung von Gewässerbaustellen durch geschultes Personal sind daher wichtig. Zur Ableitung von konkreten Schutz- oder Ausgleichsmaßnahmen sind zudem Populationsanalysen (Zustand der Art und der Wirtsfische, Gewässergüte, Hydrologie und Gewässerstruktur) im Vorfeld notwendig.
Da detaillierte Verbreitungskarten und eine zentrale Datenbank zu Großmuscheln in Baden-Württemberg fehlten, haben wir uns 2018 entschlossen diese Lücke mit der Hilfe von weiteren Gebietskennern, Naturinteressierten und Fachleuten in ehrenamtlicher Fleißarbeit zu schließen und die Ergebnisse der Öffentlichkeit hier zur Verfügung zu stellen. Die Grundlagen für die Steckbriefe bilden eigene gesammelte Daten der letzten 25 Jahre. Hinzu kommen Recherchearbeiten zu historischen Daten, (grauer) Literatur und die Auswertung von Schalenaufsammlungen von (ehemaligen) Kollegen. Informationen stammen auch den öffentlich zugänglichen Arbeiten wie den Managementplänen des Landes Baden-Württemberg, von Internetportalen, Zeitungsmeldungen sowie von befreundeten Büros und sonstigen Unterstützern.
Die Ergebnisse wurden im Februar 2026 veröffentlicht: Jahreshefte der Gesellschaft für Naturkunde in Württemberg. Stuttgart. 182. Jahrgang. 46 S. https://Doi.org/10.26251/jhgfn.182.2026.E001. Hier auf der Seite werden in der rechten Spalte die einzelenn Arten in Text und Karte (pdf) ebenfalls detaillierter dargestellt. Diese Steckbriefe werden regelmäßig aktualisert.
Das Wichtigste in Kürze (Stand Februar 2026):
Die Abgeplattete Teichmuschel (Pseudanodonta complanata) galt bis 2019 noch als verschollen. Inzwischen wurde mehrere lokale Restpopulationen in mehreren großen Flüssen des Landes zufällig von aufmerksamen Personen wiederendeckt. Allerdings ist der Zustand dieser Vorkommen unbekannt und die vom Aussterben bedrohte und steng geschützte Art spielt beim amtlichen Artenschutz weiterhin keine Rolle.
Die Malermuschel (Unio pictorum) ist landesweit sehr stark im Rückgang begriffen und droht in Baden-Württemberg zumindest regional auszusterben. Maßnahmen oder Programme zur Erfassung der Situation oder zum Schutz der Art gibt es nicht.
Die Große Flussmuschel (Unio tumidus) breitet sich offenbar am nördlichen Oberrhein sowie in Baggerseen aus. In den letzten 10 bis 20 Jahren ist die Art im Hochrhein, am südlichen Oberrhein und in der Renchniederung hingegen fast vollständig verschwunden.
Die Gemeine Teichmuschel (Anodonta anatina) ist landesweit in Fließgewässern und Seen zu finden. Verluste gibt es in kleinen, inzwischen trockenfallenden Fließgewässern. In größeren Bächen und Flüssen scheint die Art von vom Klimawandel eher zu profitieren.
Die Schwanenmuschel (Anodonta cygnea) hat zwar ihre Verbreitungsschwerpunkte in Oberschwaben und am Oberrhein ist aber landesweit zu finden.
Die einst weit verbreitete und besonders streng geschützt Bachmuschel bzw. Kleine Flussmuschel (Unio crassus) ist vielen Gefährdungsursachen ausgesetzt. Aktuell stehen viele Populationen im Land unmittelbar vor dem Aussterben. Im ganzen Land können auch heute noch neue Populationen z.B. bei Gewässerrenaturierungen, im Bereich von Gewässerbaustellen oder bei der Gewässerunterhaltung "entdeckt" werden.
Die eingeschleppte Chinesische Teichmuschel (Sinanodonta woodiana) hat sich inzwischen im Land etabliert und breitet sich immer weiter aus.
Die Seiten (pdf.) können ausgedruckt und genutzt werden - wir bitten allerdings darum, das Copyright für die Texte, Bilder und Karten zu beachten.
Weitere Hinweise auf ehemalige und aktuelle Vorkommen (Schalenfunde, Lebendfunde) nehmen wir gerne entgegen.
Unterstützer (in alphabetischer Reihenfolge):
Pauline App (Kreuzlingen), Andreas Arnold (Mannheim), Daniel Baumgärtner (Stuttgart), Andreas Becker (Wiesloch), Johannes Birkemeyer (Freiburg), Gerhard Bronner (Donaueschingen), Christiane Busch (Werbach), Anna Carlevaro (Zürich), Christoph Chucholl (Radolfzell), Werner Diepold (Aalen), Max Domonell (Offenburg), Tanja & Marcus Dropa (Salem), Michael Ell (ASV Memprechtshofen), Bruno Fischer (FV Kirchberg/Jagst), Ulrike Fuchs (Karlsruhe), Reinhard Gerecke (Tübingen), Klaus Groh (Bad Dürkheim), Josef Grom (Altheim), Christian Günter (Freiburg), Ralf Haberbosch (Tettnang), Marco Haupt (Freiburg), Johannes Herbert (Alzenau), John Hesselschwerdt (Konstanz), Andrea Hohlweck (Heilbronn), Holger Hunger (Freiburg), Matthias Klemm (Tübingen), Ruth Kölsch (Freiburg), Felix Künemund (Offenburg), Bernd Kunz (†) (Langenburg), Stephanie Lambotte (Donaueschingen), Magnus Leschner (Freiburg), Gerhard Maier (Senden), Andreas Martens (Karlsruhe), Fabian Mayer (Breisach), Josef Mayer-Wolf (Tuttlingen), Achim Megerle (Rheine), Manuel Mildner (Freiburg), Paul Munzinger (Freiburg), Hasko Nesemann (Hofheim am Taunus), Frank Pätzold (Baden-Baden), Chris Pardela (Bad Krozingen), Marco Reinhart (Freiburg), Ira Richling (Stuttgart), Peter Roos (Karlsruhe), Anette Rosenbauer (Backnang), Peter Rudolph (Freiburg), Leo Rupp (March), Walter Schätzle (Kippenheim), Lorenz Schick (Staufen), Franz-Josef Schiel (Bühl), Bertrand Schmidt (Ravensburg), Sabine Schmidt-Halewitz (Konstanz), Benjamin Schmieder (Offenburg), Carola Sigle (Freiburg), Petra Teiber-Sießegger (Wasserburg), Alexandra Stöhr (Steinach i. K.), Florian Theves (Karlsruhe), Felix Treiber (Freiburg), Reinhold Treiber (Ihringen), Gunter Willinger (Tübingen), Steffen Wolf (Freiburg), Finn Zenker (Sexau) sowie das Institut für Seenforschung (Langenargen).
Die Große Erbsenmuschel (Pisidium amnicum) - Funde eines kleinen Riesen
| Die Große Erbsenmuschel ist die größte einheimische Art der Erbsenmuscheln (Gattung
Pisidium). Während andere Arten kaum größer als einen halben
Zentimeter werden, erreicht sie stattliche Größen von über einem
Zentimeter. Allein dadurch ist sie unverkennbar. Dennoch wurde sie
bisher nur selten gefunden. Die Art lebt in sauberen, sauerstoffreichen
Fließgewässern. Sie profitiert offenbar von der Verbesserung der
Wasserqualität, wie zahlreiche Neufunde bei gezielten Untersuchungen in
anderen Bundesländern ergaben. |
Wir fanden die Große Erbsenmuschel kürzlich bei unseren Untersuchungen in einem Kanal bei Riegel am Kaiserstuhl sowie im Bleichbach bei Herbolzheim und im Mooswald bei Freiburg. Man kann davon ausgehen, dass auch in Baden-Württemberg die Art weiter verbreitet ist als bisher bekannt.
Literatur
Arbeitsgruppe Mollusken BW (2008): Rote Liste und Artenverzeichnis der Schnecken und Muscheln Baden-Württembergs. 2., neu bearbeitete Fassung, Bearbeitungsstand Dezember 2006. - Naturschutz-Praxis. Artenschutz, Heft 12. 185 S. LUBW Landesanstalt für Umwelt, Messungen und Naturschutz Baden-Württemberg (Hrsg.), Karlsruhe.
Nagel, K.-O. & Nesemann, H. (2016): Die Verbreitung der Großen Erbsenmuschel, Pisidium amnicum (O.F. Müller 1774), in Hessen – neue Nachweise, Ergänzungen und Korrekturen. - Schriften zu Malakozoologie 29: 1-6, Cismar.
Zettler, M.L. & Glöer, P. (2006): Zur Ökologie und Morphologie der Sphaeriidae der Norddeutschen Tiefebene. - Heldia 6, Sonderheft 8: 1–61, München.
Die Diversität der Flussmuscheln Nepals wird derzeit anhand der Sammlungen von M. Pfeiffer von 1996-1998 sowie zweier privater Forschungsreisen in den Jahren 2014 (K.O. Nagel, H. Nesemann und M. Pfeiffer) und 2026 (K.O. Nagel, M. Leschner und M. Pfeiffer) am Senckenbergmuseum erforscht:
Veröffentlichungen
Pfeiffer, M. & Nagel, K.O. (2026): Die Großmuscheln Baden-Württembergs – Bestandssituation, Gefährdung und Schutzmöglichkeiten. Jahreshefte der Gesellschaft für Naturkunde in Württemberg. Stuttgart. 182. Jahrgang. 46 S. https://Doi.org/10.26251/jhgfn.182.2026.E001
Pfeiffer, M., Mildner, M., Günter, C.P. & Leschner, M. (2025): The Asian clam Corbicula fluminea, an accidental host for the European bitterling Rhodeus amarus. Knowl. Manag. Aquat. Ecosyst., 426, 4. https://doi.org/10.1051/kmae/2024026. Page 5 of 5M. Knowl. Manag. Aquat. Ecosyst. 2025, 426, 4.
Pfeiffer, M. (2023): Syntope Vorkommen von Steinkrebs Austropotamobius torrentium und Bachmuschel Unio crassus in Baden-Württemberg. Mitteilungen des Badischen Landesvereins für Naturkunde und Naturschutz 25 (NF): 149-162, Freiburg i.Br.
Rheinhardt, M. & Pfeiffer, M. (2021): Flusskrebse im südlichen Kraichgau und im Nordschwarzwald (Bad.Württ.). Mitteilungen des Badischen Landesvereins für Naturkunde und Naturschutz 23 (NF): 125-138, Freiburg i.Br.
Pfeiffer, M. & Nagel, K.O. (2020): Die Chinesische Teichmuschel ist ein (fast) universeller Fischparasit. Fischer & Teichwirt, Nr. 3 / 84.
Nagel, K.-O., Pfeiffer, M., Mildner, M. & Günter, C. (2020): Der Waldsee in Freiburg, ein bedeutender Lebensraum für Großmuscheln. - Mitteilungen des Badischen Landesvereins für Naturkunde und Naturschutz 22 (4): 653-662, Freiburg i.Br.
Vogt, G., Dorn, N.J., Pfeiffer, M., Lukhaup, C., Williams, B.W., Schulz, R. & Schrimpf, A. (2019): The dimension of biological change by autotriploidy: A meta-analysis with triploid crayfish Procambarus virginalis and its diploid parent Procambarus fallax. Zoologischer Anzeiger 281: 53-67.
Vogt, G., Dorn, N.J., Pfeiffer, M., Lukhaup, C., Williams, B.W., Schulz, R. & Schrimpf, A. (2018): In-depth investigation of the species problem and taxonomic status of marbled crayfish, the first asexual decapod crustacean. Zootaxa 4524 (3): 329-350.
Pfeiffer, M. & Nagel, K.-O. (2016): Die Bachmuschel (Unio crassus) überlebt – noch – in Metapopulationen. - Naturschutz und Landschaftsplanung 48: 369-376, Stuttgart.
Gerecke, R. & Pfeiffer, M. (2016): Die Wassermilben Baden-Württembergs (Acari: Hydrachnidia und Halacaridae). -Aktualisierter Artenbestand, Besonderheiten, Forschungsbedarf. - Lauterbornia 81: 27-55, Dinkelscherben.
Nagel, K.-O., Dümpelmann, C. & Pfeiffer, M. (2015): Effective growth cessation in adult Unio crassus Philipsson, 1788 (Bivalvia Unionidae) from Germany. - Folia Malacologica 23: 309-313, Poznań.
Pfeiffer, M. (2015): Vorkommen des Steinkrebses Austropotamobius torrentium (Schrank, 1803) im baden-württembergischen Einzugsgebiet der Tauber. - Faunistische und floristische Mitteilungen aus dem Taubergrund 28/29: 18-23, Niederstetten.
Pfeiffer, M. (2015): Flusskrebse (Decapoda) vs. Großmuscheln (Unionidae). Beobachtungen am Kamberkrebs. - forum flusskrebse 23: 26-31.
Keller, N.S., Pfeiffer, M., Roessink, I., Schulz, R. & Schrimpf, A. (2014): First evidence of crayfish plague agent in populations of the marbled crayfish (Procambarus fallax forma virginalis). - Knowledge and Management of Aquatic Ecosystems 414: 15, Paris.
Pfeiffer, M. (2014): Sinanodonta woodiana (Lea 1834) im Großen Opfinger Baggersee bei Freiburg. - Mitteilungen des Badischen Landesvereins für Naturkunde und Naturschutz 21: 587-591, Freiburg i.Br.
Nagel, K.-O. & Pfeiffer, M. (2012): Die Najadenfauna (Unionoidea) des Oberelsass (Department Haute-Rhine). - Mitteilungen der deutschen malakozoologischen Gesellschaft 87: 17-28, Frankfurt a.M.
Chucholl, C. & Pfeiffer, M. (2010): First evidence for an established Marmorkrebs (Decapoda, Astacida, Cambaridae) population in Southwestern Germany, in syntopic occurrence with Orconectes limosus (Rafinesque, 1817). - Aquatic Invasions 5: 405-412, Helsinki.
Pfeiffer, M. & Nagel, K.-O. (2010): Schauen, tasten, graben - Strategien und Methoden für die Erfassung von Bachmuscheln (Unio crassus). - Naturschutz und Landschaftsplanung 6: 271-279, Stuttgart.
Pfeiffer, M. (2010): Der Marmorkrebs Procambarus spec. (Cambaridae, Decapoda) im Moosweiher bei Freiburg im Breisgau. - forum flusskrebse 13: 29-32.
Pfeiffer, M. (2009): Nachweis von Bachmuscheln (Unio crassus) in der Jagst. - Schriften zur Malakozoologie aus dem Haus der Natur 25: 57-58, Cismar.
Pfeiffer, M. (2008): Fauna der Fließgewässer des Mooswalds. S. 237-259. In: Körner, H. (Hrsg.): Die Mooswälder – Natur- und Kulturgeschichte der Breisgauer Bucht. Freiburg i.Br.: Lavori (zugl.: Mitteilungen des Badischen Landesvereins für Naturkunde und Naturschutz ; N.F. Bd. 20, H. 2 u. 3 (2008/2009).
Pfeiffer, M. & Troschel, H.-J. (2007): Verbreitung nicht heimischer Flusskrebse am Oberrhein zwischen Karlsruhe und Freiburg. - Mitteilungen des Badischen Landesvereins für Naturkunde und Naturschutz 20: 159-172, Freiburg i.Br.
Pfeiffer, M. (2006): Parental Care of Spiny cheek Crayfish Orconectes limosus. - Crayfish NEWS, Vol.28 (2), Offical Newsletter of the International Association of Astacology, Auburn University.
Pfeiffer, M. (2005): Marmorkrebse überleben im Eis. - Fischer & Teichwirt 6/05: 204, Nürnberg.
Pfeiffer, M. & Sharma, S. (2005): Identification of the larvae of three Freshwater mussels from the Oriental region (Nepal) (Bivalvia, Unionoidea, Ambleminae). - Schriften zur Malakozoologie 22: 65-70, Cismar.
Pfeiffer, M. (2003): Aufnahmen von Steinbeißerembryonen (Cobitis taenia L.). - BSSW Report, Heft 3-2003: 24.
Pfeiffer, M. (2001): Lautäußerungen bei Badis spec. aus Assam. - Der Makropode. Zeitschrift der IGL. 23. Jahrgang. November/Dezember 2001. S. 192-193.
Pfeiffer, M. (2000): Beobachtungen bei Prachtschmerlen (Botiinae) in einem Schmerlengesell-schaftsbecken. - BSSW Report, Heft 4-2000: 15-20.
Pfeiffer, M., Sharma, S. & Dahal, B. (1999): Age and population structure of freshwater mussels in the lowland rivers of Nepal. - Published on the 3rd National Conference on Science and Technology, Royal Nepal Academy of Science and Technology, March 8-11,1999.












